Warum wir als Kontrastgemeinschaft Neugier wecken und mutig Grenzen überschreiten sollten.
Lange Sommerabende sind etwas Wunderschönes: Der Himmel verfärbt sich in leuchtenden Farben und allmählich schwindet das Licht. Langsam tauchen die ersten Sterne auf und scheinen sich zu vermehren, je mehr sich das Firmament verdunkelt. Nach und nach treten Sternbilder hervor und schließlich erstreckt sich die Milchstraße über unseren Köpfen.
Vielleicht hatte Paulus dieses Bild vor Augen, als er der neugegründeten Gemeinde in Philippi schrieb: „Als untadelige Kinder Gottes sollt ihr wie Himmelslichter mitten unter den verdrehten und verdorbenen Menschen dieser Welt leuchten und so die Botschaft des Lebens anschaulich machen“ (Phil 2,15-16a NEÜ).¹
Ein unübersehbarer Kontrast
Man könnte es so beschreiben: Paulus kam als Pionier zu den Philippern in die Dunkelheit und zündete sozusagen Lichter an, die jetzt leuchten – indem sie nach einem neuen Paradigma leben. Leuchtende Himmelslichter wie Sterne und Mond bilden einen starken Kontrast zum nachtschwarzen Himmel.
Laut Paulus leben Christen demnach ganz ähnlich in einem unübersehbaren Kontrast zu der Gesellschaft, die sie umgibt. Nicht, weil sie ständig z. B. über die verdorbene Gesellschaft reden, sondern weil sie anders sind, weil sie das Wesen ihres Vaters in ihrem ganz normalen, irdischen, alltäglichen Leben verkörpern. Ihre Wertmaßstäbe sind erneuert und ihr ganzes Denken und Handeln wird von Jesus und seiner Liebe bestimmt.
Auf diese Weise wird das Evangelium, die Leben bringende Botschaft, anschaulich und attraktiv. Menschen werden angezogen und reagieren darauf mit Interesse und Fragen. Sie öffnen sich für die Botschaft, finden zu Jesus – andere mögen auch auf Distanz gehen.
Grenzen überschreiten
Die Vorstellung von einem veränderten Leben, durch das die Jesusnachfolger auffallen und Fragen wecken, durchzieht weitgehend die neutestamentlichen Briefe. Dabei wird klar, dass ein Apostel oder Evangelist eine Berufung hat, die sich davon unterscheidet bzw. darüber hinausgeht. Er ist mit dem Evangelium unterwegs und überschreitet dabei Grenzen verschiedener Art: geografische, kulturelle, soziale, religiöse, sprachliche.
Schon Jesus hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass die Apostel Grenzen überschreiten sollten und auch würden. Er sprach von „allen Völkern“ (Mt 28,20) und dem „Ende der Erde“ (Apg 1,8), doch sie blieben erst einmal in Jerusalem (Apg 5,28). Petrus erlebt dann, wie Gott Überzeugungsarbeit bei ihm leisten muss, bis er schließlich religiöse, kulturelle und soziale Grenzen überwindet und das Haus eines römischen Offiziers betritt (Apg 10) und dort Jesus verkündigt – ein ungeheurer Tabubruch für einen frommen Juden im ersten Jahrhundert!
Haben wir innerhalb Deutschlands noch Grenzen zu überschreiten? Wären wir – so wie Petrus – bereit, dafür auch religiöse oder soziale Tabus zu brechen? In welchen Regionen, Stadtteilen, Orten oder auch gesellschaftlichen Gruppen und Segmenten leben Menschen, die bisher nicht von Christen oder christlichen Gemeinden erreicht werden?
Zweigleisig ausbilden
Auch ein Apostel, Evangelist oder missionarischer Pionier hat (hoffentlich!) Nachbarn und Freunde, die sein Leben wahrnehmen und mit denen er im Gespräch ist. Hier kann er Vorbild und Ansporn für die lokale Gemeinde sein, ohne anderen die eigene Berufung oder auch Methoden der Evangelisation überzustülpen und damit Gemeindeleute ohne ausgewiesene Evangelisationsgabe zu überfordern und zu entmutigen.
Was für ein Segen kann es sein, wenn begabte Evangelisten oder Missionare die beiden Wege des Evangeliums verstehen und Gemeinden in beiden Wegen trainieren können.
Andererseits tut es jedem Gemeindeglied gut, auch einmal die eigene Komfortzone zu verlassen und Grenzen zu überschreiten. Straßeneinsätze oder missionarische Buscafés sind oftmals gute Möglichkeiten, um auszuprobieren, mit wildfremden Menschen über Jesus zu reden, die eigene Geschichte zu erzählen oder für Menschen zu beten. Dabei lässt sich viel über die eigene Begabung und Berufung herausfinden.
Jemand, den Gott evangelistisch oder apostolisch begabt hat, wird sich sehr wahrscheinlich in solchen Situationen wohlfühlen, weil er die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen liebt.
Ich selbst habe während meiner theologischen Ausbildung ein Praktikum in einer Gemeindegründungsarbeit gemacht. Dort wuchs der starke Wunsch bei mir, so etwas auch einmal zu machen. Wie gut, wenn erfahrene Leute mit entsprechender Gabe da sind und junge Leute im Blick auf ihre Begabung bzw. Berufung ermutigen und bestätigen können.
Vielleicht war das auch Paulus’ Ansatz, als er Timotheus in sein apostolisches Team aufnahm (Apg 16,1-3). Timotheus hatte sich schon im Kontext der lokalen Gemeinde bewährt, doch Paulus wird in ihm noch mehr gesehen haben. Später rief er ihn auf: „Tu das Werk eines Evangelisten!“ (2Tim 4,5).
Für evangelistisch Begabte und Missionswerke sind gute Beziehungen zu Gemeinden wünschenswert. Denn sie bieten die Möglichkeit, begabte Mitarbeiter zu finden. Und anders herum wird eine lokale Gemeinde meiner Erfahrung nach immer gewinnen, wenn sie ihre Mitarbeiter freigibt und in eine missionarische Berufung und Aufgabe ziehen lässt.
Ergänzung ist Teil des Konzeptes
Mission bzw. Evangelisation war im Neuen Testament keine One-Man-Show, sondern geschah so gut wie immer im Team. Auch wenn Jesus in seiner Mission als Hauptakteur auftrat, so waren seine Jünger ständig dabei – und zwar nicht nur als Zuschauer. Als er sie auf befristete Missionstouren schickte, gingen sie immer zu zweit.
Von Paulus können wir sagen: Er blieb auf seinen Missionsreisen nie freiwillig alleine, sondern hatte immer ein apostolisches Mitarbeiterteam um sich. Ebenso Petrus: Auf dem schon erwähnten Hausbesuch bei dem römischen Offizier Cornelius (Apg 10) wurde er von einigen Männern begleitet, die sicherlich nicht nur passive Zuschauer waren.
Für Menschen mit ausgesprochen starken apostolischen oder evangelistischen Begabungen erscheint es mir als sehr wichtig, dass sie nicht allein arbeiten – besonders, wenn sie auch noch starke, unabhängige Persönlichkeiten sind. Sie brauchen ein Team, in dem sie ruhig als „Erster unter Gleichen“ arbeiten können, aber eben auch eingebunden sind in gegenseitige Ergänzung und Rechenschaft.
Wenn Paulus oder Petrus in ihren Briefen die Gläubigen auffordern, ein Licht zu sein (Phil 2,15), weise zu leben (Kol 4,2-6) oder bereitwillig Antworten zu geben (1Petr 3,15-16), dann sprechen sie immer die Gemeinschaft an. Sie soll in all dem gemeinsam unterwegs sein.
Landläufig steckt immer noch in vielen Köpfen, gemeinsame Evangelisation wäre immer irgendeine Art von Veranstaltung. Demgegenüber steht dann die „persönliche Evangelisation“, die eben genau dies ist: persönlich und damit unabhängig von der Gemeinschaft. „Persönliche Evangelisation“ geschieht zu oft alleine statt miteinander.
Wie motivierend wäre es, wenn wir uns auch an dieser Stelle zusammentäten? Wir könnten anfangen, füreinander und für unsere Freunde, die ohne Jesus leben, zu beten. Wir könnten miteinander die Frustrationen und Rückschläge teilen, aber auch miteinander feiern und uns freuen, wenn Menschen in unserem Umfeld sich für Jesus öffnen und umkehren. Solche guten Gewohnheiten versuchen wir in unseren Trainings zu prägen.
Mutig verkündigen oder so leben, dass Fragen aufkommen: Das sind keine Alternativen, die sich ausschließen, sondern zwei Berufungen, die sich wunderbar ergänzen und gegenseitig verstärken. Finde deinen Platz in diesem zweifachen Konzept der Evangelisation und freu dich an der Ergänzung durch andere.
Fußnoten
1 Das griechische Verb epécho wird meist mit “festhalten” übersetzt, doch ist auch die Übersetzung “darbieten” oder “darstellen” möglich.
