Niemand ist eine Insel. Fast jeder hat Bekannte und Verwandte in seinem Umfeld. Wenn wir nach ihnen fragen, kann sich gleich eine ganze Gruppe auf die Suche nach Gott begeben.

Ein Hirte lässt 99 Schafe zurück, um das eine zu suchen, das verloren gegangen ist, und es zur Herde zurückzubringen. Dieses Gleichnis von Jesus prägte lange Zeit meine missionarische Einstellung. Ich dachte, dass mein missionarischer Auftrag darin bestand, den verlorenen Menschen das Evangelium zu bringen, und wenn dieser verlorene Mensch sich bekehrte, ihn in die Herde der Gemeinde zu integrieren.

Ob als Jugendleiter in meiner Heimatgemeinde, als Zivi in Sankt Petersburg, als Bibelschüler oder als Gemeindegründer in meiner Anfangszeit in Bodenwerder: Mein Bemühen lag in vielen Veranstaltungen wie missionarischen Gottesdiensten, Camps, Evangelisationen darauf, den einzelnen Verlorenen zu suchen, um ihn in eine bestehende Gemeinde zu integrieren.

Im Lauf der Jahre bemerkte ich aber immer dasselbe Problem: Einzelne Menschen, die zum Glauben fanden und keinen gemeindlichen Hintergrund hatten, ließen sich nur sehr schwer in die Gemeinde integrieren. Oft war der Druck der Familie oder der Freunde so groß, dass entweder die Beziehung zur Familie oder die Beziehung zur Gemeinde zerbrach. Für dieses Problem brauchte ich eine Lösung!

Fragen im Restaurant

In den letzten Jahren hat Gott durch viele Einflüsse meine missionarische Einstellung verändert und neu geprägt. In Lukas 10 werden die Jünger von Jesus an die Orte gesandt, zu denen er selbst gehen wollte. Ihr Auftrag bestand darin, den einzelnen, verlorenen Menschen zu suchen: „den Sohn des Friedens“ (Vers 6), die Person, die bereit war, den Frieden, den die Jünger verkündeten, aufzunehmen. Aber der Unterschied zu meiner Herangehensweise bestand darin, dass sie die Personen nicht aus dem Haus herausholen, sondern mit ihnen im Haus bleiben sollten, um das ganze Haus zu gewinnen – damit das ganze Haus den Frieden annehmen konnte. Und genau das wollte ich jetzt erleben!

Meine Frau und ich hatten schon längere Zeit für eine Familie gebetet, die in unserer Stadt ein Restaurant hat. An einem Abend entschlossen wir uns, dort essen zu gehen – ohne zu wissen, was uns an diesem Abend erwarten würde. Wir suchten uns ein gemütliches Plätzchen und bestellten unser Essen.

Während des Essens setzte sich ein Sohn dieser Familie zu uns an den Tisch und fragte mich: „Bist du nicht ein Pastor oder so was?“ Ich antwortete ihm zögerlich: „Ja – warum fragst du?“ Und da fing er an, mir viele Fragen über den Glauben zu stellen. Wir saßen nur da und staunten über das, was Gott da gerade tat. Wir wussten beide, dass er unsere erste Person des Friedens war.

Mit meiner alten missionarischen Einstellung hätte ich ihm zuerst das Evangelium erklärt oder hätte ihn zum nächsten Gottesdienst eingeladen. Aber ich sah nicht nur ihn als einzelne verlorene Person, sondern ich sah sein Haus, also die ganze Familie, die verloren war. Hier gab Gott uns die Chance, das Haus zu erreichen!

In eine Person investieren…

Mit dieser Begegnung im Restaurant war für uns klar: Der nächste Schritt musste sein, mit der ganzen Familie die Bibel zu lesen! Wenn man die Person des Friedens gefunden hat, erreicht man nicht mit einem Fingerschnippen das ganze Haus. Das geht nur in einer tiefen und vertrauensvollen Beziehung und das kostet viel Zeit, die man investieren muss. Eine Woche später wurden wir von dem Sohn zum Grillen eingeladen, was für uns ein weiteres Merkmal für eine Person des Friedens ist (siehe Lukas 10).

Ich investierte viel Zeit: unternahm lange Spaziergänge mit ihm, flog mit ihm nach Rom und verbrachte viele Abende mit gemeinsamem Essen und vielen tiefen geistlichen Gesprächen – immer mit dem Ziel, nicht nur ihn zu erreichen, sondern die Familie. Mit der Zeit wuchs das Vertrauen und die Beziehung und schließlich fragte ich ihn: „Hättest du Lust, mit uns die Bibel zu lesen und den Gott zu entdecken, den du suchst? Und nicht nur du und deine Familie, sondern eure gesamte Großfamilie?“ So trommelte er alle zusammen. Nicht wir waren der Zugang zur Familie, sondern er!

…und die Gruppe gewinnen

Bei unserem ersten Treffen saßen wir mit über 25 Personen im Wohnzimmer und lasen gemeinsam die Bibel. Das zu erleben, war für uns als Ehepaar eine unglaubliche Erfahrung! Von da an trafen wir uns Woche für Woche mit dieser Familie zum Entdeckerbibelstudium. Durch das Bibellesen fand die Familie gemeinsam heraus, wer Gott ist und wie er ist. Unsere Aufgabe bestand nur darin, die Fragen zu stellen und die Gespräche zu führen. In den Gesprächen entwickelte sich durch die homogene Gruppe eine intensive Korrektur. Nicht wir mussten Dinge erläutern, sondern der eine erklärte es dem anderen. Unterschiedliche Entdeckungen wurden sehr scharf und offen diskutiert, sodass jeder für sich etwas mitnehmen konnte.

Wir waren fasziniert: Hier machte sich nicht ein verlorener Mensch auf den Weg zu Gott, sondern eine ganze Familie! Das erinnerte uns sehr stark an Apostelgeschichte 16, an die Geschichte von Lydia und dem Kerkermeister: „Dann ließen sich er und alle, die zu ihm gehörten, ohne zu zögern taufen“ (Apg 16,33).

Als wir bei unserer letzten Lektion ankamen, geschah etwas für uns sehr Ermutigendes: Gemeinsam lasen wir den Text aus Apostelgeschichte 8, die Taufe des äthiopischen Finanzministers. Die Entdeckung der Gruppe an diesem Abend war, dass wer an Jesus glaubt, sich taufen lassen sollte. Ohne zu zögern, sagte ein Mädchen aus der Gruppe: „Ich will mich heute taufen lassen!“ Diese Aussage ermutigte die anderen aus der Familie, sich dem Mädchen anzuschließen.

Noch an diesem Abend durften wir vier Leute taufen! Eine Woche später kamen zwei weitere aus der Familie dazu und einige Zeit später ließen sich noch drei taufen! Auch wenn bisher noch nicht alle zum Glauben an Jesus gefunden haben, hat Gott durch eine Person, die auf der Suche war, eine ganze Familie erreicht!

Anders missionarisch

Jeder Mensch lebt in Beziehungen, der eine hat ein größeres Beziehungsnetzwerk, der andere ein kleineres. Dieses Erlebnis hat uns als Familie ermutigt, anders missionarisch zu denken. Es geht nicht um den einzelnen Menschen, sondern Gott möchte durch den Einzelnen ganze Familien und Häuser erreichen. Ich habe gelernt, dass wir unser Denken und Handeln ändern müssen. Dass wir fragen müssen: Welche Beziehungen und Netzwerke verbergen sich hinter suchenden Menschen?

Wenn wir die suchenden Menschen nur zu uns ziehen und sie an christliche Gemeinschaften binden, werden die bestehenden Beziehungsnetzwerke zerbrechen, weil die Interessen und Werte sich mit der Zeit verschieben. Doch wenn wir das Potenzial der Beziehungen hinter der suchenden Person sehen, werden wir aus der Familie oder der Gruppe eine neue Gemeinde, eine neue Hausgemeinschaft formen und die Gruppe in diesem Prozess begleiten.

Foto von Priscilla Du Preez

Mehr Inspiration

  • Freunde sitzen abends bei einem gemütlichen Essen zusammen

    Gemeinde da, wo wir leben

    Jesus will dorthin, wo die Menschen sind. Das bedeutet aber nicht unbedingt gemietete Räumlichkeiten und Sonntagsgottesdienst...

  • Jesus Christus steht draußen auf einen Stab gestützt

    Warum sollte es heute anders sein?

    Wenn die Menschen Jesus erleben, wollen sie ihn auch. Die Frage ist nur: Können Menschen ihn heute noch finden?

Nichts mehr verpassen!

Du möchtest unsere Artikel regelmäßig per Email direkt in dein Postfach bekommen? Trag dich für unseren Newsletter ein!

Das könnte dir auch gefallen