Wer Menschen zu Jüngern machen will, steht in Städten vor ganz anderen Herausforderungen als auf dem Land.

Deutschland hat aktuell 81 Großstädte mit über 100.000 Einwohnern. Über 26 Millionen Menschen leben in diesen Großstädten. Nur 15 Prozent der Deutschen hingegen wohnen in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern. Leben in einem urbanen Umfeld ist demnach die Wirklichkeit vieler Menschen, die wir zu Jüngern machen wollen.

Was meinen wir in einem solchen städtischen Zusammenhang, wenn wir in unserer Vision davon sprechen, dass „Jesus in jeden Ort“ kommen soll? Bedeutet „Ort“ hier einfach „Stadt“? Sprich: Ist die Vision erfüllt, wenn in jeder Stadt eine Gemeinschaft von hingegeben Jesus-Jüngern zu finden ist? In Hamburg mit 1,8 Millionen Einwohnern würde das wohl kaum jemand so sehen. Hier ist Platz für viele Gemeinden – in den verschiedenen Stadtteilen, Vierteln und Quartieren, unter verschiedenen Volksgruppen und innerhalb unterschiedlicher Kulturen. Die „JesusFreaks“ sind in Hamburg unter Punks entstanden ebenso wie Gemeinden unter Hafenarbeitern.

Bewegungen entstehen über Beziehungen

Wir merken aber, dass Gemeindegründen im urbanen Umfeld zum Teil vor anderen Herausforderungen steht als im ländlichen Raum. Auffallend ist zudem: Weltweit findet man Bewegungen vor allem in ländlichen Regionen. In Städten tun sich Bewegungen generell schwer. Woran liegt das? Bewegungen breiten sich normalerweise über Beziehungen aus: Es kommt eine einzelne Person zum Glauben und gibt das Evangelium direkt an ihre Familie, ihre Freunde oder Arbeitskollegen weiter. Oder nach einem erlebten Wunder ist eine ganze Familie interessiert und möchte mehr von Jesus hören und kommt dann kollektiv zum Glauben. So ähnlich stelle ich mir es bei Kornelius (Apg 10) oder dem Kerkermeister aus Philippi (Apg 16) vor: Ein ganzer Haushalt (griechisch oikos) kommt zum Glauben. Über bestehende Beziehungen breitet sich das Evangelium zu anderen aus.

Immer mehr Vereinzelung in Städten

Häufig sind diese Beziehungen in Städten aber – im Unterschied zu Dörfern – nicht so zahlreich und zum anderen nicht so stark ausgeprägt. Ein Beispiel aus Hamburg: Auf einer Esoterikmesse betete ich für ein Ehepaar, das daraufhin sofort von Gott geheilt wurde.

Ich traf mich ein paar Tage später mit Vater, Mutter und Tochter bei ihnen zu Hause zum Bibellesen und ein paar Wochen später durfte ich sie in ihrer Badewanne taufen. Als ich sie im Anschluss bat, doch mal ihre Freunde aufzuschreiben, war die Antwort: „Wir haben keine Freunde – wir haben Nachbarn.“ Ich fand das bezeichnend, denn es bedeutet: In Städten leben zwar viele Menschen Tür an Tür mit vielen anderen, bleiben aber doch für sich. Diese Individualisierung kann man auch an dem Anteil der Ein-Personen-Haushalte erkennen: Während deutschlandweit 42 Prozent der Menschen alleine leben, sind es in Großstädten wesentlich mehr: 2014 lebten in München 54,4 Prozent in einem Single-Haushalt, in Hamburg waren es 58,1 Prozent.

Hinzu kommen die hohen Lebenshaltungskosten in Städten. Allein die Miete verschlingt einen immer größeren Prozentsatz des Einkommens, was dazu führt, dass mehr gearbeitet wird. Zusammen mit den häufig weiten Strecken zur Arbeitsstelle mit vielen Staus bleibt dann immer weniger Zeit für Freundschaften und Gemeinschaft mit anderen – die zudem häufig weit entfernt wohnen. In Hamburg kann man für einen Besuch bei Freunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln locker über eine Stunde unterwegs sein – was wiederum zur Vereinzelung führt.

Wenn Menschen so unabhängig von anderen leben, kann sich das Evangelium kaum über Beziehungen ausbreiten – schlichtweg, weil Menschen, die zum Glauben kommen, nur zu sehr wenigen Leuten eine genügend tiefe Vertrauensbasis haben, um ihnen von Jesus weiterzuerzählen.

Unkomplizierter Zugang zu Jesusjüngern

Wir merken innerhalb der DIM, dass sich unsere Arbeit in einer Kleinstadt stark von der in einer Metropole unterscheidet. Allein Begriffe wie „lokal“ und „vor Ort“ füllen wir anders: Ich kann in Hamburg ganz ohne Stau 15 Minuten mit dem Auto unterwegs sein und habe noch nicht einmal meinen Stadtteil verlassen. In anderen Gegenden Deutschlands ist man da schon in der nächsten Kleinstadt. Während ein „Ort“ auf dem Land eben einfach das ganze Dorf umfasst, ist „Ort“ in einer Stadt schon viel schwieriger zu benennen. Vielleicht würde ich es so formulieren: In einer Metropole wie Hamburg ist „jeder Ort“ erst dann erreicht, wenn jede Person leicht und unkompliziert Zugang zu einer Gruppe von Jesusnachfolgern hat, ohne zu große geographische, sprachliche und soziale Hürden überwinden zu müssen.

Foto von Tim Goedhart

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